Ist doch egal, worum es geht – ich bin auch dagegen!
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Am letzten Samstag ging Europa auf die Straße. Zu Recht. Gegen ACTA. Und diesmal hat es mir auch keiner schwer gemacht.

Hatte die Dortmunder Piratenpartei ursprünglich auch nur mit etwa 300 Demonstranten gerechnet, so kamen dann am Ende doch etwa 2.500 (laut offiziellen Zahlen) bis 5.000 (nach inoffiziellen Zahlen) Menschen zusammen.

Im ersten Moment gibt das Hoffnung. Deutschland informiert sich noch, auch über Themen, die in den althergebrachten Medien vielleicht nicht breitgetreten werden. Deutschland ist noch skeptisch, noch wach und macht von seinen Bürgerrechten Gebrauch. Das ist toll!

Und doch bleibt bei der “Nachbearbeitung” des Tages ein schaler Nachgeschmack…

Aber fangen wir am Anfang an!

Wer wie ich seinen eigenen persönlichen Diskordianer mit sich führt, ist daran gewöhnt, an auf den ersten Blick unverständlichen Aktionen teilzunehmen. So scheinen auch Schilder mit der Aufschrift „Esst mehr Käsetoast“ auf den ersten Blick keinen rechten Bezug zum Thema „ACTA ad acta“ zu haben. Behält man das „auf den ersten Blick“ im Blick ist das ja auch durchaus beabsichtigt.

Also was hat Käsetoast mit dem (nach wie vor!) geplanten Anti-Piraterie-Gesetz zu tun?
Nichts.
Alles.

Ohne mich jetzt dem tieferen Sinngehalt vom Verzehr von (natürlich möglichst mit Hilfe von mikrobiellem Lab hergestellten) Käse auf vielleicht nicht allzu gesundem Brot eingehen zu wollen, hat mich u. a. Käsetoast gelehrt, dass ich manchmal offensichtlich tatsächlich zu naiv bin.

Auf der Demo selbst wurde der Aufruf im Großen und Ganzen eher positiv aufgenommen, wie auch die Vielzahl von öffentlichem Bildmaterial belegt. Da der PAN mal wieder überaus beschäftigt damit war, zu dokumentieren, finde ich mich immerhin auf einem ganzen Haufen Fotos wieder. (Besten Dank außerdem an Rainer Klute für’s Dokumentieren des Dokumentieren!) Über mangelnde Aufmerksamkeit kann ich mich also diesmal nicht beklagen.

Doch die Reaktionen im Netz haben mich dann im Nachhinein doch etwas verwirrt. Vielfach war da zu lesen, solch ein Schild habe auf einer Demo nichts zu suchen. Schreiben das etwa die selben Leute, die einige Stunden vorher noch aus vollem Hals gebrüllt haben, dass Zensur Diktatur sei? Dass sie sich das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht nehmen lassen wolle?

Fail, Leute, Fail!

Wie definiert auch Wikipedia so schön?
Zensur (censura) ist ein restriktives Verfahren, um (…) vermittelte Inhalte zu kontrollieren, unerwünschte (…) Inhalte zu unterdrücken und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass nur erwünschte Inhalte veröffentlicht oder ausgetauscht werden.“

Und weiter: „Vor allem Nachrichten, künstlerische Äußerungen und Meinungsäußerungen sind Gegenstände der Zensur.“

Wunderbar, damit war der Käsetoast also auch prädestiniert, zensiert zu werden…

Bin ich mittlerweile schon paranoid, oder ist das tatsächlich (mal wieder) irgendwie bigott?

Man beklagt sich, dass der öffentliche Raum schwindet, und will dann auch den öffentlichen Raum zensieren?! Irre ich mich doch, wenn ich immer wieder überzeugt bin, dass „die anderen“ derartige Aktionen nur auf den ersten Blick nicht verstehen, dass es dann aber auf den zweiten Blick ja doch Klick macht? Merken die Leute wirklich nicht, dass sie genau das tun, was sie in dem Moment kritisieren? Oder haben sie nur gar nicht verstanden, was die kritisieren?

Ich fürchte tatsächlich, letzteres könnte der Fall sein…

Und was sollen eigentlich die Guy Fawkes-Plastikmasken? Gut, lassen wir mal außer Acht, wer und was der tatsächliche Guy Fawkes war, und gehen davon aus, dass die Masken eigentlich eher V-Masken sind.

Aber wenn wir doch so genervt davon sind, dass Kultur uns vorenthalten wird, wenn wir nicht bereit sind, dafür zu zahlen, was eine große Firma dafür haben will, warum werfen wir dann Warner Bros. noch mehr Geld in den Rachen?
Die lachen sich doch schlapp, dass wir, indem wir gegen ihre Monopole demonstrieren, dafür sorgen, dass ihre Umsätze steigen! Wenn’s schon eine Maske sein muss und wenn’s schon Guy Fawkes sein muss, ja dann bastelt Euch die Dinger doch selber, wenn Ihr doch auch wütend genug seid um Schilder zu malen!

Zugegeben, die Demonstrierenden waren eher jüngere Menschen. Die sind vermutlich noch nicht oft für oder gegen etwas auf die Straße gegangen. Und dunkel kann auch ich mich noch erinnern, wie euphorisierend es damals war, gegen den Irak-Krieg zu sein, in einer Masse von Menschen zu marschieren, sich irgendwie zu fühlen, als würde man dazu gehören, obwohl man als Teenager ja meistens meint, man sei der einzige Mensch, der irgendwie anders ist.

Vielleicht bin ich nur heute so alt, dass ich halbwegs aufgegeben habe, das Gefühl haben zu müssen, dass noch ganz, ganz viele Menschen so sind wie ich.

Vielleicht hab ich damals auch nur so halb durchschaut, worum es geht.

Vielleicht hätte ich damals auch Kommentare wie „Ich will mehr! Mehr Demos! Mehr von Euch! Mehr Rechte!“ von mir geben können. Aber abgesehen davon, dass es mir beim letzten Satz echt schwer gefallen ist, nicht zu antworten „Ja, dann fahr doch nach Dorstfeld!“, verstört mich sowas heute irgendwie.

Ich will eigentlich nicht unbedingt mehr. Ich will viel lieber nicht demonstrieren müssen.
Wenn ich andere Leute treffen will, dann lieber nicht bei -10 Grad auf der Straße.
Und in diesem Fall wollte ich auch nicht unbedingt mehr „Rechte“, sondern nur nicht weniger Rechte…

Einer meiner Lieblings-Momente war dann aber der, als jemand bei Facebook beklagte, die Musik wäre nicht so der Knaller gewesen, man solle doch mal eine Trackliste erstellen und dann eine entsprechende CD brennen.

Äh – wat?!

Damit man der GEMA bei der nächsten Zwischenkundgebung gleich die Gebühren in die Hand drücken kann…?

Ich habe also mal vorsichtig erwähnt, dass eben jene sympathische Vereinigung dann wohl zur Kasse bitten würde.
Die Reaktion darauf hatte dann aber tatsächlich mal wieder einen jener seltenen Momente zu Folge, in denen ich (ich!) sprachlos war.
„Oh Mann! Als nächstes bitte eine Demo gegen die GEMA. Das ist doch auch so eine Lobbyistenvereinigung.“

Muss ich erwähnen, dass man als nächstes überlegte, dass doch eh alle Masken tragen würden und ja tausende Menschen anwesend wären, also keiner wisse, wer verantwortlich wäre?

Als Freund der Aufklärung habe ich daher (für mich) abschließend erwähnt, dass wohl in jenem Fall der verantwortlich wäre, der die Demo angemeldet hat und für die Musikanlage verantwortlich ist (in diesem konkreten Fall eben die Piraten).

Ich habe mich nicht getraut, der Unterhaltung weiter zu folgen. Ein schaler Geschmack kann der Vorbote von echter Übelkeit sein, und ich wollte nicht auf einmal doch noch gestadtfestet werden.

Geblieben ist mir nur die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel?

Ist es egal, warum und wieso jemand dagegen ist, wenn er nur auf der richtigen Seite ist? Hauptsache, der geht mit?

Nee, eigentlich nicht.
Denn wenn man dagegen ist, weil es irgendwie cool ist oder weil halt „alle“ dagegen sind, woher weiß man denn dann, dass man auf der richtigen Seite ist?

Denn um mal wieder die Nazi-Keule zu schwingen: Sagen unsere Großeltern nicht auch so gerne, dass es auf den ersten Blick halt so aussah, als würden die Nazis was gutes tun? Dass man ja gar nicht so genau gewusst habe, was da abging?

Ich will sicher nicht behaupten, dass ich nun eine Fachfrau für das Copyright und ACTA wäre. Ich weiß grob, worum es geht. Aber wenn so viele Leute noch weniger wissen, worum es geht, was wissen die denn dann überhaupt?!

Erwarte oder verlange ich zu viel, wenn ich meine, Menschen sollten schon so halbwegs wissen, wogegen oder wofür sie sind?
Sollte ich mich einfach damit zufrieden geben, dass genug Menschen  mobilisiert wurden, um vielleicht etwas zu erreichen?

Erinnert das nur mich an die Drückerkollonen, die einem regelmäßig in Fußgängerzonen auflauern, um einem Geld für das Technische Hilfswerk oder andere sicherlich unterstützenswerte Projekte aus dem Ärmel zu labern, obwohl die das eigentlich kein Stück interessiert und sie nur dafür bezahlt werden?

Ich meine, ja, ich will ja, dass diese Menschen alle auf die Straße gehen!

Aber ich will nicht, dass sie einfach nur mitlaufen.

Ich will, dass jeder für sich und ganz bewusst den Weg entlanggeht. Selbst wenn es nicht cool wäre.
Selbst wenn wirklich nur 300 Leute oder noch weniger da wären. Nur dem eigenen Gewissen verpflichtet.
Aus Überzeugung.
Weil man sich der Sache und nicht zwingend den Mitmarschierenden verbunden fühlt.

Die Euphorie und der Spaß bei der Sache dürfen ja gerne der Lohn des ganzen sein – aber doch nicht der Sinn und Zweck!

Empört Euch – aber wisst auch, warum und worüber!

Noch ist das Internet halbwegs unzensiert, also nutzt es, informiert Euch!
Bildet Euch Eure eigene Meinung, übernehmt nicht einfach eine! Und hinterfragt auch Euer eigenes Verhalten!
Unterstützt nicht mit Eurem Handeln, das was Ihr kritisiert!
Und dann geht auf die Straße!
Vielleicht sehen wir dann auch wie der große Plan zerfällt…

Die nächste Gelegenheit kommt bestimmt. Ich persönlich würde da ja den 25. Februar vorschlagen. Und ob wir uns dann sehen, ist egal – Hauptsache, wir wissen, warum wir tun, was wir tun!

In diesem Sinne: Wir sehen uns! Wir bringen auch Käsetoast mit!

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2 Responses to Ist doch egal, worum es geht – ich bin auch dagegen!

  1. Hennes says:

    Bitte esst mehr Schaafskäse oder was währe die Welt blos ohne dies Besserwisser.
    Jetzt wisst ihr bescheid, ihr seit alle Dumme Schaafe. MÄÄÄÄ…..MÄÄÄÄÄ…..MÄÄÄÄÄ
    Aber macht euch nix draus, könnt ja später immer noch sagen das ihr das schon immer gesagt habt oder einfach so tun als wüsstet ihr von nix.
    Mal sehen ob glöckchen demnächst zb. bei einer CDU Kundgebungsu sehen ist (:) ) Da ereicht sie MILIONEN die nicht wissen was sie tun. Aber ohne Statisten geht es anscheinend nicht.
    Schau dir diese Plakate beim FB an, in dem zb gefordert wird, Kinderschänder anstatt Tiere als Veruchsobjekte zu benutzen. Wer da so alles den Like Butten angeklickt hat, dieselben warscheinlich die deine Käsebrot Aktion doch so abgefahren finder.
    Bitter!!!
    Nicht???
    Es war wirklich Lustig bei den Demos gegen den Iran Krieg, da wahren dann mitten in der betroffen Masse, Leute mit Bildern von Sadam Husein zu sehen, die natürlich tolleriert wurden. Manch einer Solidarisierte sich sogar mit den Schergen des Diktators ;) , im nahmen des Friedens und der Menschenrechte selbstverständlich.

    Ich bin der Meinung das Käsebrot Plakat gehöhrt auch auf einem Parteitag der Grünen, da ist die warscheinlichkeit das irgendjemand eventuel irgendetwas merkt vieleicht etwas höher. Es sei denn es wird gerade über die bentzung einer Elektrischen Zahnbürste debatiert zweckes des Verbots dieser oder intern über die aktuelle Politsch korekte Haarfarbe.
    Aber die kennen ja das Käsebrot bereits, immerhin sind gegen die abschaffung der Wehrpflicht.
    !?
    Ich bevorzuge Schaafskäse.

    Dann doch lieber gegen A.C.T.A Demonstrieren, wenn auch es nur darum geht, weiterhin WB Serien Anonym Downzuloaden oder einfach nur gegen den einfluss der Pharmaindustrie zu sein.

    In diesem sinn….

  2. Thea Tersitz says:

    Guy Fawkes der Katholische Bin Laden LOL

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