“Ach, ich glaub’, ich mach mal was mit Drogen!”
avatar

Und wie immer in (meinem?) Leben lief alles nahtlos ineinander über. Denn nur zwei Tage, nachdem ich abends die Dortmunder Direktkandidaten mitgewählt hatte, teilte der PAN mir mit, ich möge mich doch mal mit Steffen Geyer in Verbindung setzen. Dieser suche via Facebook drogenpolitisch interessierte Piraten aus NRW. Also nur wenn ich Lust hätte natürlich!

Na ja, da ich nun seit einer Woche wieder arbeitslos war (das befristete Projekt war halt ausgelaufen) und ich mich eh (wie so oft…) in Verzettellaune befand, kam mir das natürlich gerade recht!
Ich hatte ursprünglich vorgehabt, mich erst einmal auf kommunaler Ebene umzusehen, um mich danach dann langsam mal den ganzen programmatischen AGs, AKs und IGs (wo war da eigentlich der Unterschied?) zuzuwenden. Und da standen so ganz grob gesehen Umwelt- und Tierschutz, Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik sowie Drogenpolitik auf meiner Agenda.

Gut, mich hatten in den letzten Wochen bei diesem Thema schon diverse Leute darauf hingewiesen, dass man sich mit Drogenpolitik vielleicht nicht gerade beliebt machen würde. Zumindest wenn man nicht ganz klar auf das geltende Abstinenzdogma pochte – oder sich gar für die Legalisierung aussprach. Aber das war für mich eher ein Anreiz als ein Gegenargument.

Ich polarisiere ja eigentlich ganz gerne, auch wenn das manchmal dazu führt, dass Menschen mir die „Freundschaft“ kündigen. Denn im Regelfall verliere ich ja dann doch lieber einen falschen Freund als meine eigene Meinung.

Und die Tatsache, dass viele politisch engagierte Menschen sich des Themas trotzdem nicht annehmen, weil sie Angst haben, stigmatisiert zu werden (mein aktuelles „Stigma“ war „Esst mehr Käsetoast!“ – dazu fand ich Drogenpolitik ja irgendwie ganz passend), hatte für mich immerhin den Vorteil, dass ich nicht unbedingt in der Masse untergehen würde.

Es mag nicht zu meinem charmantesten Eigenschaften gehören, aber ein gewisses Geltungsbedürfnis habe ich ja doch…

Auf jedem Fall bot mir das Leben mal wieder eine nette kleine Gelegenheit, mich in einen Themenbereich einzubringen, der mich eh interessierte. Ok, das Leben hielt sich mit seinen Gelegenheiten mal wieder nicht so ganz an meinem Zeitplan (eigentlich war ich ja noch mit dem Punkt „Wahlkampf lernen“ beschäftigt), aber dafür bot es mir dann gleich eine Zusammenarbeit mit Steffen an! Dieser Hanfaktivist war in gewissen Kreisen ja eine wahre Berühmtheit. In jedem Fall war er bekannt genug, dass mir seine Position zum Thema Drogenpolitik (die ich im Großen und Ganzen teilte) geläufig war. Und sympathisch fand ich ihn auch.

Und so fand ich mich kurz darauf im Sonnenschein auf dem tatsächlich recht schönen neuen Spielplatz am Phoenixsee wieder, während ich ganz piratig über mein Smartphone mit Steffen Nachrichten austauschte, um hinterher meinem Lieblings-PAN noch schnell mitzuteilen, dass ich ordnungsgemäß Meldung gemacht hatte – der drängelte nämlich schon (was völlig überflüssig war, da ich Steffen direkt nach unserem Telefonat angeschrieben hatte).

Fakt war jedenfalls erst einmal, dass Steffen (selber kein Pirat) mit ein paar anderen Leuten einen Antrag für das Wahlprogramm in NRW erarbeitet hatte. Und nun waren diese Leute (die IG Sucht) auf der Suche nach einem oder mehreren NRW-Piraten, um diesen potentiellen Teil des Wahlprogramms (der in sehr ähnlicher Form im letzten Jahr auch im Wahlprogramm für Berlin gestanden hatte) zu überarbeiten, um diesen dann einzureichen, beim Landesparteitag vorzustellen und im besten Falle natürlich ins Wahlprogramm wählen zu lassen.

So weit, so gut.

Ähm, wobei… Landesparteitag??? Der war doch jetzt direkt am nächsten Wochenende… Aber sollten da nicht einfach „nur“ die Listenkandidaten für die Landtagswahl aufgestellt werden? Und so kurzfristig würde ich es auch gar nicht organisieren können, dann in Münster zu sein. Und gab es nicht bestimmt auch eine Frist, bis zu der Anträge hätten eingereicht werden müssen?

Ich hatte das ungute Gefühl, vermutlich nicht recht auf dem Laufenden zu sein.

Und überhaupt hatte ich mal wieder das Gefühl, gar nicht so genau zu wissen, wie und was eigentlich gerade so konkret los war.

Und da war es mir direkt ein bisschen peinlich, dass Steffen – der ja selbst weder aus NRW kam, noch Pirat war – mich dann aufklärte, der programmatische Landesparteitag (LPT) solle seines Wissens nach erst am 14./15.04. stattfinden.

Aber immerhin war ich dann doch selbst in der Lage herauszufinden, wo dieser stattfinden würde. Nämlich in Dortmund!

Ich nahm das einfach mal als freundlichen Wink des Schicksals: Noch einfacher konnte es mir ja wohl kaum noch gemacht werden! Einzig die Tatsache, dass es sich um ein „Kinderwochenende“ handeln würde, machte die Sache ein klein wenig komplizierter.

Aber auch dieses kleine Hindernis ließ sich noch auf dem Spielplatz beseitigen: Das Glöckchen wäre ja kein Glöckchen, wenn es keinen notfalls kinderhütenden PAN hätte!

Nachdem dies also geklärt war, ich mir den Antragsentwurf durchgelesen (und immerhin in Gedanken meine Kritikpunkte notiert) hatte, teilte ich Steffen mit, dass ich den Text (von ein paar Punkten abgesehen) gut fände, zum Termin des #LPT2012.2 verfügbar und somit gerne bereit wäre, an dem Antrag mitzuarbeiten und diesen einzureichen.

Eine Frau der Tat und der schnellen Entscheidungen – immer einfach mal „hier!“ schreien…

Ich fragte bei Steffen auch gleich mal an, ob ich den Antragstext an den AK Drogenpolitik NRW schicken sollte und abonnierte bei der Gelegenheit noch schnell die Mailingliste der AG Drogen und des Arbeitskreises und ging abends ruhigen Gewissens ins Bett. Ich hatte noch gut drei Wochen Zeit bis zum Parteitag, alles easy going.

Dachte ich.

Als ich am nächsten Morgen eine Nachricht der AG Drogen mit dem Titel „Berliner suchen NRW-Piraten zur Vertretung ihrer Programmarbeit“ öffnete, dachte ich mir auch noch nichts böses. Nach der Lektüre war ich dann allerdings doch zumindest irritiert:

Ok, Steffen Geyer und die Berliner IG Sucht suchten einen NRW-Piraten, um auf dem Parteitag einen Konkurrenzantrag (Konkurrenz? Zu wem? Zu was? Ups, hatte ich da so ganz rein zufällig mal wieder etwas übersehen…?) zu stellen. Und der Verfasser der Mail, ein gewisser Andi (kannte ich nicht, sagte mir nix) fand diese Vorgehensweise offenbar nicht so dufte, irgendwie „hintenrum“ und hoffte daher auf eine Erklärung der IG.

Ich verschluckte mich an meinem Kaffee und fing hektisch an, meinen Nachrichtenverlauf mit Steffen nochmal durchzugehen. Hatte der mir mutwillig etwas verschwiegen? Wo war ich denn da jetzt hineingeraten?

Wurde ich jetzt so langsam paranoid?

Offensichtlich…

Fakt war, dass Steffen direkt zu Anfang schon etwas über „angesichts der bescheidenen bisherigen Bemühungen für eine progressive NRW-Drogenpolitik“ geschrieben hatte. Ich hatte das so gedeutet, dass es einfach gar keine bisherigen Bemühungen gegeben hatte und auch nicht weiter nachgefragt. Und für diese meine Interpretation war wohl ausschließlich ich selbst verantwortlich. Das konnte ich ihm jetzt nicht wirklich ankreiden…

Also schrieb ich eine Mail an die AG.

Stelle mich erst einmal vor, erklärte auf welchem Weg der Antrag der IG zu mir gekommen war, dass ich nicht wusste, warum keiner von denen sich deswegen an die AG gewendet hatte und dass ich sowieso noch so neu war, dass ich quasi von nichts Ahnung hatte.

Dass ich nichts von einem zweiten Antrag gewusst hatte, nun ein wenig orientierungslos zwischen den Stühlen saß und ob mir eventuell jemand diesen anderen Antrag zukommen lassen könnte.

Ich kam mir vor wie ein riesengroßes Fragezeichen. Das schrieb ich auch Steffen. Und dass es schön wäre, wenn mich irgendjemand aufklären könnte.

Zu meiner großen Freude kam auch nur eine knappe Dreiviertelstunde nach meiner Mail an die AG eine weitere Mail mit dem passenden Betreff herein. Ein wenig ernüchternd war allerdings, dass darin mit keinem Wort auf meinen Beitrag eingegangen wurde. Jemand bemängelte nur weiter die Vorgehensweise, zu der ich nun aber auch nicht viel sagen konnte.

Aber Steffen ließ mich nicht im Stich. Von ihm bekam ich kurz darauf eine recht lange Nachricht bei Facebook.

Er erklärte, dass es zwischen der IG Suchtpolitik und der AG Drogenpolitik wohl schon einen länger schwelenden Konflikt geben würde.

Dass er als Nicht-Pirat sich in so etwas aber nicht hineinziehen lassen wollte (was ich gut nachvollziehen konnte).

Dass die IG diesem Andi den Antrag habe zukommen lassen und Steffen deren Anträge aus verschiedenen Gründen eher mäßig fand.

Dass er verstehen könne, wenn ich mich aus der Sache heraushalten wolle, um mich nicht in diese Geschichte verwickeln zu lassen.

Nun ja, ob ich da nun in irgendetwas verwickelt werden würde, war mir eigentlich herzlich egal. Zunächst machte ich mich mal daran, die Unterschiede zwischen den beiden Gruppierungen herauszufinden, da ich die Anträge der AG ja nun nicht kannte. Ich kämpfte mich mal wieder durch’s Piratenwiki, um die AG Drogenpolitik und IG Suchtpolitik zu finden.

Die IG war zwar bisher wohl eher nur lokal in Berlin tätig gewesen, aber mir gefiel ihre Unterscheidung zwischen Sucht und Droge – entsprach sie doch eh der Meinung, die ich auch vor der Lektüre der Wikiseite schon gehabt hatte.

Was mir vor allem fehlte, waren die Antragstexte der AG. Denn momentan hatte ich keine Ahnung, wo Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten waren. Und vielleicht gefielen mir ja auch die Ansätze der AG viel besser…

Ich schrieb Steffen also nur, dass all das kein Grund für mich sei, mich aus der ganzen Sache zurückzuziehen. Und dass es mir als relativ unvoreingenommener Fremder ja vielleicht gelingen könnte, zu vermitteln – so dass am Ende ein Antrag entstehen würde, mit dem alle zufrieden sein würden.

Allerdings schaffte es die AG langsam doch, gewisse Antipathien bei mir zu wecken. Vielleicht nahm und nehme ich mich auch nur zu wichtig.

Die nächste Mail auf deren Liste richtete sich immerhin schon mal an „alle Neuen“. Nun ja, eine etwas persönlichere Ansprache hätte ich nett gefunden, aber vielleicht waren ja auch gerade erst ein Haufen anderer neuer Mitglieder auf der Liste dazugestoßen. Und zu erwarten, dass man mir gleich den roten Teppich ausrollt, war wohl doch ein wenig übertrieben…

Inhaltlich konnte aber auch diese Nachricht mich nicht so wirklich überzeugen, denn für mein Empfinden stand dort nur drin „die IG Sucht ist doof, weil…“.

Das interessierte mich kein Stück. Bis zum Parteitag waren es noch etwa drei Wochen. Die Antragsfrist würde entsprechend früher ablaufen (ich hatte keine Ahnung, wie viel früher). Wenn beide Anträge zusammengeführt werden sollten, sollten wir langsam damit anfangen. Wenn nicht, dann würde ich mich entscheiden müssen, welchen Antrag ich besser fände. Ich würde den der IG nicht vertreten, wenn mir der AG-Antrag deutlich besser gefallen würde. Doch egal, welcher Antrag mir nun besser gefiele, vielleicht würde ich zusätzlich ja noch ein paar Verbesserungsvorschläge einbringen wollen. Denn der bessere Antrag würde ja nicht zwingend schon perfekt sein!

In jedem Falle erschien es mir dringend nötig, mich endlich mit dem AG-Antrag auseinander setzen zu können!

Auf der Mailingliste hatte sich mittlerweile ein Benny eingemischt (ich vermutete zu Recht, dass das der Benny war, mit dem Steffen u.a. den IG-Antrag erarbeitet hatte). Der beantwortete immerhin einige meiner Fragen:

Dass Programmanträge nicht in AGs erarbeitet werden müssen.

Dass die IG die Arbeiten der AG erst einmal abgewartet hätte, dann aber beschlossen hätte, einen eigenen Antrag zu formulieren, weil der der AG ihnen an vielen Punkten nicht zusagte und „nicht weit genug“ ginge.

Dass diverse Mitglieder der AG auch Zugang zu den Arbeitspads der IG hätten, und entsprechend die Arbeit hätten beobachten können oder sich auch hätten einbringen können.

Sonst war es eigentlich schon fast erstaunlich, wie gekonnt ich ignoriert wurde und wie enthusiastisch stattdessen diskutiert wurde, warum wahlweise IG oder AG einfach plöd sei und intransparent arbeite.

Einige Mails dieser Art später, also am späten Mittag, fragte ich daher noch einmal nach, ob mir zuuuufällig jetzt mal irgendjemand verraten könnte, wo ich denn nun die Antragstexte der AG finden könnte. Denn dazu hatte sich noch immer niemand bequemt, obwohl mir das weit relevanter erschien, als die Frage, wer denn nun wen warum nicht leiden konnte.

Am Nachmittag des nächsten Tages erbarmte sich dann ein Michael meiner und erwähnte endlich, endlich den Link zu den Texten der AG! Hurra! Mir wurde auch freundlich vorgeschlagen, mich doch mal bei den Mumble-Sitzungen zu beteiligen. An sich ein netter Vorschlag – nur fanden die mittwochs und sonntags statt. Mittwochs war ich für gewöhnlich auf dem Dortmunder Piratenstammtisch, und der Sonntagabend gehörte zu einem nicht gerade irrelevanten Teil meines Privatlebens. Da musste ich also wohl passen…

Aber immerhin hatte ich endlich die Gelegenheit, mich mit den bisher fehlenden Texten auseinanderzusetzen, während auf der Mailingliste fleißig weitergezankt und gebasht wurde. Da auf der Mailingliste der AG unweigerlich mehr AG- als IG-Mitglieder unterwegs waren, war das Ganze leicht „IG = doof“-lastig.

Ich fand das nach wie vor befremdlich. Und ich fand es auch noch immer befremdlich, dass sich, nachdem ich mich auf der Mailingliste vorgestellt hatte, kein Mensch die Mühe gemacht hatte, einfach mal freundlich ein „Hallo und willkommen“ zu schreiben. Aber Schwamm drüber! Ich wollte nicht kleinlich sein, schließlich ging es hier um Wichtigeres!

Ich befasste mich mit dem Wichtigeren: Mit den Anträgen.

Im Prinzip gingen IG und AG in die selbe Richtung. Die AG hatte mehr Anträge, auch zu mehr Themen, ausgearbeitet. Das fiel auf den ersten Blick auf. Die IG hatte einen kompletten Antrag, die AG hatte für jedes Thema (Cannabis, Heroin/Diamorphin, Suchtprävention) einen eigenen Antrag erarbeitet. Das Thema Rauschkunde hatte die AG wegfallen lassen (also würde an der Stelle der Text aus dem alten Wahlprogramm übernommen werden), dafür wurde bei der Suchtprävention großer Wert auf das Programm SKOLL gelegt, das mir bisher unbekannt gewesen war. Dafür behandelte die IG das Thema E-Zigaretten nicht.

Insgesamt fiel mir auf, dass ich die vergleichbaren Texte bei der AG Drogen für Piraten sehr wenig mutig fand. Es blieb für mich an manchen Stellen etwas schwammig. Ich hatte den Eindruck, dass man ständig versucht hatte, auf Reizworte zu verzichten, um ja keine Gegenwehr erregen zu können. Als wollte man den Text an jenen Menschen, die dessen Grundgedanken nicht gutheißen würde, vorbeischummeln wollen. (Erfolglos außerdem.)

Ich sah einen Haufen Leute vor mir, die abwesend einem Vortrag beiwohnten und nur bei gewissen Reizworten wach wurden. Die würden so einen Text quasi verschlafen, weil der Vortragende ja keine „bösen Worte“ in den Mund nehmen würde.

Und was war eigentlich dieses SKOLL, das als einziges als Mittel zur Suchtprävention gefordert wurde?

Nachdem ich am Freitag mit Steffen in Kontakt getreten war, am Samstag auf die AG Drogen gestoßen war, am Sonntag endlich einen Link zu deren Antrag bekommen hatte, und mir am Montag dann diese – und das Gezanke auf der Liste – durchgelesen hatte, fand ich am Dienstag, dass es nun Zeit wäre, dass langsam etwas Bewegung in die Sache kommen sollte.

Ich schickte Steffen eine Nachricht und fragte ihn auch, was aus seiner Sicht die Haken der AG-Anträge seien. Und ich bekam sehr schnell eine wirklich sehr ausführliche Antwort von ihm. Zusätzlich zu meinen eigenen Kritikpunkten brachte er noch einige weitere an.

Und auch der AG schilderte ich meine Lage. Einige der AG-Anträge (na ja, zwei von dreien, die sich mit dem IG-Antrag überschnitten) waren mit einem „read only“ gekennzeichnet. Ich fand es also naheliegend, dass diese nicht mehr geändert werden konnten, wusste aber nicht, wie eng man das in der AG sah. Ich erklärte, dass ich bei allen Anträgen Vor- und Nachteile sähe – und fragte, ob die AG überhaupt bereit sei, dort noch Änderungen vorzunehmen. Denn da mir der IG-Antrag besser gefiel und meine Änderungen dort ja ausdrücklich erwünscht waren, wäre meine Wahl dann wohl klar gewesen…

Ich fragte auch hier nach, was man für die Vor- bzw. Nachteile der Anträge halte.

Ich fragte nach, ob es von Seiten der AG gewünscht wäre, die Anträge der beiden Gruppen zusammenzubringen.

Und ob es unter Erwachsenen wirklich nötig sei, sich jetzt in „mimimi“ zu ergehen, ob man nicht in Anbetracht der knappen Zeit lieber vernünftig arbeiten sollte.

Ich stellte einen Haufen praktischer Fragen, wie z.B. wo und wann so ein Antrag überhaupt eingereicht werden müsste.

Ich war mir ziemlich sicher, dass die Herren sich nun langsam mal an den Kopf fassen würden, um vernünftig und konstruktiv zu arbeiten. Klar, auch Piraten sind nur Menschen und fahren mal aus der Haut oder mögen jemanden nicht, aber sie sind ja lernfähig, gewillt sich weiterzuentwickeln, und verfolgen außerdem sowieso ein höheres Ziel! Also würden sie sich jetzt so langsam einkriegen.

Dachte ich.

Und wenn nicht, dann würde es eben zwei Anträge geben. Denn wo nur ein Antrag ist, kann logischerweise auch nur einer gewählt werden. Das würde ich dann nicht gerade „Auswahl“ nennen. Und Wahlvielfalt war für eine Demokratie schließlich unerlässlich. Also sah ich auch kein Problem darin, sollte man keinen gemeinsamen Konsens finden, zwei Anträge zu den Themen einzureichen, um die Basis auf dem Landesparteitag entscheiden zu lassen.

Meine These, dass gerade Piraten sich bestimmt zusammenraufen würden, wenn sie doch das selbe Ziel haben, wurde jedenfalls innerhalb der nächsten 24 Stunden widerlegt.

Anfangs sah es noch echt gut aus. Ich bekam Zuspruch von Leuten, die ich auf der Liste noch gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Nicht wenige Leute beantworteten meine Fragen. Also einige meiner Fragen, meine ich. Zu den Vor- und Nachteilen der Anträge bekam ich keine Auskunft, die mich so richtig zufriedengestellt hätte. Und ob die AG-Anträge nun noch zu ändern seien oder nicht, wurde auch nicht so ganz klar. Die einen meinten ja, die anderen meinten nein.

Am Rande tobte der Shitstorm zwischen Benny und einigen anderen weiter, aber ich bemühte mich weiterhin, diesen zu ignorieren und die tatsächlichen Infos aus den Mails herauszufiltern.

Mir ging dieser Kleinkrieg langsam echt auf die Nerven. War es im Moment nicht völlig egal, wer wen mal auf der Straße nicht nett gegrüßt hatte, wer wann wo auch einen Antrag eingebracht hatte und wer die Anträge wie erarbeitet hatte? Mich zumindest interessierte das herzlich wenig.

Aber immerhin hatte ich das Gefühl, dass es langsam in die richtige Richtung ging und so etwas wie eine sachliche Debatte aufkam.

Ja, ja, manche Kommentare ärgerten mich schon noch. Mehr oder weniger durch die Blume ließ man mich schon wissen, dass ich ja nur ein Neuling war (unbestreitbar!). Ärgerlicher fand ich es allerdings quasi als reine Strohfrau dargestellt zu werden, während ich die ganze Zeit versuchte, mich konstruktiv einzubringen und immer wieder betonte, dass ich eh nur einen Antrag vertreten könnte, an dem ich auch irgendwie beteiligt war. Aber ich sagte mir, dass alle in dieser Diskussion schon ein wenig aufgebracht waren – mich selbst eingeschlossen! – und ich da vermutlich zu empfindlich reagierte.

Parallel diskutiere ich den IG-Antrag sehr konstruktiv mit Steffen und hatte ganz allgemein wieder ein gutes Gefühl bei der Sache, als ich Dienstagabend einschlief.

Und dann kam der Mittwoch…

Es war noch am Morgen, als eine Mail von einem Guido über die AG-Liste bei mir ankam. Bisher hatte ich eigentlich bewusst noch nichts von ihm gelesen. Dafür fiel mir bei dieser Mail dann fast die Kinnlade auf die Tischplatte.

Doch ich muss ein wenig ausholen: In meiner Mail vom vorherigen Mittag hatte ich u.a. gefragt, warum ausgerechnet das Suchtprogramm SKOLL so eine Sonderposition in dem Antrag einnahm. Ich hatte noch nie davon gehört, vermutlich ging es anderen potentiellen Wählern ähnlich. Und was war eigentlich soviel besser an SKOLL als an anderen Programmen? Laut Steffen war es nicht besser oder schlechter als viele andere, aber die AG-Piraten würden ja schon einen Grund haben, warum allein SKOLL und kein anderes Suchtprogramm im Wahlprogramm stehen sollte.

Jemand hatte diese Frage von mir unterstützt und erwähnt, dass er darin auch wenig Sinn erkennen würde.

Und nun begann die Mail von diesem Guido mit einem „vielen Dank für dein Messer in meinem Rücken!“ an denjenigen. Da ich die Frage ursprünglich angebracht hatte, fühle ich mich da doch ein wenig mit angesprochen. Allerdings konnte ich die Reaktion nicht so ganz nachvollziehen. Ich hatte doch nur eine für mein Empfinden berechtigte Frage gestellt…

Er beklagte sich, dass da nun eine Neupiratin käme (langsam nervte das echt! War nicht jeder am Anfang mal neu dabei?) und auf einmal sei all die Arbeit für die Katz gewesen, nur weil ich das Thema uninteressant fände und nicht wisse, was Selbstkontrolltraining sei. Dass er sich völlig sinnlos für die AG die Nächte um die Ohren schlage, und dies als Schlag ins Gesicht empfinde.

Ich war zugegeben ein wenig platt. Warum denn jetzt diese ganze Aufregung?! Hatte ich die Arbeit der AG doch gar nicht mies machen wollen!

Guido erklärte, dass SKOLL ein tolles Programm sei, eines, das auch wissenschaftlich evaluiert sei, keinen Abstinenzanspruch stelle (Zitat Startseite skoll.de: „SKOLL hat zum Ziel den Konsum zu stabilisieren, zu reduzieren oder bestenfalls ganz einzustellen.“), dass er all dies schon ausführlichst dargestellt habe (es tat mir auch wirklich leid, dass ich das noch nicht hatte mitbekommen können!), dass es momentan kein besseres Suchtprogramm gäbe, dass SKOLL aber noch nicht vernünftig und ausreichend finanziert werde, dass dies ein konkretes politisches Ziel wäre und die Piraten sich auch darüber profilieren könnten.

Mir war und ist ehrlich gesagt noch immer schleierhaft, warum man dann nicht einfach allgemein mehr Gelder für ganz allgemein derartige Programme zu Verfügung stellen sollte. Was war mit KISS, „quit the shit“ und wie sie nicht alle heißen? SKOLL war und ist bisher nicht flächendeckend eingeführt. Würde es nicht mehr Sinn machen, bereits bestehenden Programmen Geld zukommen zu lassen, als überall noch zusätzlich neue „SKOLL-Filialen“ zu eröffnen oder ggf. sogar Suchttherapeuten, die in diesem Programm nicht geschult sind, entlassen zu müssen?

Jedenfalls kam Guido zu dem Schluss, ich solle mich doch erst einmal informieren, ehe ich so abwertend urteile. Ich verstand nur noch Bahnhof. Ich hatte mir die Seite von SKOLL im Internet angesehen, aber auch dort jetzt für mich kein Alleinstellungsmerkmal gefunden. Und ich hatte SKOLL auch nicht abwerten wollen (ich hatte nur beklagt, dass der Begriff wohl nur den wenigsten Leuten geläufig sein dürfte), sondern nur wissen wollen, wo da die speziellen Vorteile lägen. Ich war ja jetzt auch kein Spezialist für dieses Thema, aber ich dachte, wenn SKOLL so ungewöhnlich war, müsste es doch möglich sein, auch mir als Laie kurz und knapp zu erklären, was daran so besonders sei…

Und worüber regte der sich denn überhaupt so auf? Ging das nicht vielleicht auch etwas freundlicher? Und war es eigentlich so schwierig, einfach mal konkrete Antworten auf meine Fragen zu geben? Wieso galt SKOLL überhaupt als Präventiosprogramm? Müsste Prävention nicht erfolgen, ehe eine Sucht zustande kommt? Sonst wäre es doch Postvention! Oder verstand ich den Begriff nur falsch?!

Ich setzte mich in und fing an, meine wütende Antwort einzutippen.

Nach etwa fünf Zeilen stoppte ich wieder.

Denn in diesen fünf Zeilen standen zwar eine ganze Menge Wörter, aber bei näherem Hinsehen bliebt irgendwie nur „mimimimi“. Ziemlich genau das, was ich bei den anderen Diskussionsteilnehmern schon die ganze Zeit bemängelte. Und nun fing ich mit genau dem gleichen unproduktiven Unsinn an…

Statt mich also völlig lächerlich zu machen und diese Mail abzuschicken, setze ich mich hin, kochte einen Kaffee, löschte den Text und rauchte eine Zigarette. Und ließ mir eine Stunde Zeit, bis ich antwortete. Ruhig, sachlich und freundlich.

Vielleicht war Guido nur mit dem falschen Fuß aufgestanden. Oder vielleicht bekam er auch nur bald seine Tage. Für so etwas hatte ich momentan vollstes Verständnis!

Ich schrieb nur eine kurze Mail. Erklärte, dass ich Guidos Ärger verstehen könne (na ja, zumindest in einigen Punkten), dass ich mich nicht früher hatte einbringen können, weil ich noch gar nicht so lange bei den Piraten war. Und fragte nochmal nach, ob überhaupt eine Zusammenarbeit von IG und AG gewünscht sei. Denn darauf hatte ich ja noch immer von keinem eine Antwort bekommen.

Kurz danach kam noch eine Mail von einem anderen AGler, der noch einmal betonte, dass im Prinzip jeder willkommen sei, aber hier habe man sich halt schon viel Arbeit gemacht, dass ich mich hätte früher einbringen sollen, dass schon alles gesagt sei – nur noch nicht von jedem.

Langsam fing ich echt an genervt zu sein. Ich hatte nun vor mehreren Tagen gefragt, ob meine Mitarbeit an den Anträgen noch gewünscht sein. Offensichtlich nicht (bzw. nicht mehr, weil zu spät – war ja auch irgendwie nachvollziehbar), aber das traute sich keiner mal konkret auszusprechen.

Ich hatte mehrfach gefragt, ob ein gemeinsamer Konsens mit der IG gewünscht sei. Auch darauf hatte ich bisher keine Antwort bekommen. Also stelle ich die Frage noch einmal (kleiner Spoiler: Sie ist nie beantwortet worden), erwähnte noch einmal, dass ich verstanden hatte, dass ich mich besser früher eingebracht hätte, aber halt noch gar nicht da war.

Es war ziemlich ernüchternd. Auch diese Mail von mir wurde ignoriert und es kam nie eine Reaktion darauf. Ich vermute einfach mal, man war zu sehr mit Wahlkampf und der Erstellung der restlichen Anträge beschäftigt.

Aber mir ließ es keinen Ruhe, dass dieser Guido sich so aufgeregt hatte, nur weil ich für sein Empfinden SKOLL kritisiert hatte. Also tat ich das Naheliegendste: Ich fragte Google.

Und Google machte, dass ich vielleicht verstand.

Und Google machte, dass ich jetzt definitiv dagegen war, SKOLL im Wahlprogramm zu erwähnen. Denn Guido war nicht nur bei der AG Drogen, nein, er war auch beruflich Suchttherapeut. An sich sehr schön, wenn Leute mit soviel Fachwissen sich bei Wahlprogrammen einbringen.

Aber fand etwa nur ich es irgendwie bedenklich, wenn laut Wahlprogramm dann nur ein spezielles suchttherapeutisches Programm finanziert werden soll, und einer der Leute, die das Wahlprogramm erarbeitet haben, zufällig beruflich mit genau diesem Suchtprogramm arbeitet? Damit also wohl auch seinen Lebensunterhalt bestreitet?

Selbst wenn SKOLL ganz tolle Vorteile haben sollte und Guidos Beweggründe einfach die sein sollten, dass es wirklich besser war als ähnliche Programme, wie würde das nach außen wirken?

Momentan war den Medien doch jede Kleinigkeit groß genug, um sie zu einem Skandal bei den Piraten aufzubauschen. Da würde so ein bisschen Lobbyismus doch gut passen!
Auf der FDP herum hacken, das dort richtig offiziell Lobbyisten mitarbeiten und genau das gleiche machen? Nur auch noch heimlich?

Und wieso versuchte ich, als abgebrochener Nebenfach-Psychologie-Student eigentlich die ganze Zeit, da zu vermitteln und zu schlichten, wenn der es eigentlich viel besser als ich können sollte?! Menno!

Mein Entschluss stand damit jedenfalls fest. Ich hatte keine Lust mehr auf ergebnislose Kindergartendiskussionen. Und noch weniger Lust hatte ich, da früher oder später mitzumischen. Sollte ich das dringende Bedürfnis auf Diskussionen dieses Niveaus haben, konnte ich einfach etwas mehr trödeln, wenn ich meine Kinder zur KiTa brachte oder dort abholte. Mir war ja selbst nicht so ganz verborgen geblieben, dass ich zuweilen ziemlich cholerisch sein konnte. Der einfachste Weg, nicht in dieses Gezanke hineingezogen zu werden, war wohl einfach einen Bogen um eben dieses zu machen.

Ich nahm mir vor, der AG nur noch zu antworten, wenn ich wirklich einen sinnvoller, sachlichen Beitrag leisten konnte oder direkt angesprochen wurde, und fing an, einige Punkte am IG-Antrag zu ändern. Ich schickte Benny eine Mail, dass ich gerne als Hotel fungieren würde, falls er, Steffen und Heide (die auch an der Antragserarbeitung beteiligt gewesen war) tatsächlich zum LPT nach Dortmund kommen sollten. Benny richtete mir einen Zugang für die Pads ein.

Uns blieb noch eine gute Woche, bis der Antrag eingereicht werden musste – und ich hatte schon genug Zeit mit im Nachhinein sinnlosen Diskussionen verbracht!

This entry was posted in Pirat-ich and tagged , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>